DIE LOKOMOTIVE «EUROPA»
Am 1. September 1866 kam der erste Zug aus Wien am Czernowitzer Bahnhof an. Die lokale Bevölkerung erwartete das Ereignis mit Begeisterung und Furcht zugleich. Vor 150 Jahren verband man mit der Eisenbahn Vorstellungen über Katastrophen und Probleme für lokale Produzenten, denn nun konnten hochwertigere und manchmal auch billigere Produkte vom Westen nach Galizien und in die Bukowina gebracht werden. Gleichzeitig aber galt dank des Zuges für alle: Von nun an seid ihr auch in Europa!

Mit der Eisenbahn kam auch die Moderne an die östlichen Grenzen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Und mit der Moderne kam die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Innerhalb des Reiches begann das, was wir heute die Globalisierung nennen, und um sich daran beteiligt zu fühlen, brauchte man nur eine Fahrkarte einer der drei Klassen zu kaufen, wie man sich heute nur mit dem WLAN zu verbinden braucht.

Залізничний вокзал Чернівців
Schon in 24 Stunden konnte ein gewöhnlicher Czernowitzer oder Lemberger Einwohner mit diesem Zug nach Wien gelangen, das so weit entfernt wie der Mond schien. Daher wurde das Jahr 1866 für die Einwohner Galiziens und der Bukowina etwas wie die Schritte Neil Amstrongs 1969 für die Einwohner der Erde.

Czernowitz, Stanislau, Lemberg, Przemyśl, Krakau und Wien wurden durch eine Eisenbahnverbindung und somit in einem ästhetischen Raum zusammengeschlossen und blieben darin bis zu den großen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts. Der gemeinsame kulturelle Raum brach zusammen und hinterließ bloß vereinzelte Erinnerungen und unter dem Bett versteckte Porträts des Kaisers Franz Joseph.

Wir laden Sie auf eine Reise durch die sechs Städte ein, um zu erfahren, was sich auf dieser Eisenbahnlinie änderte, und ob zwischen den Städten immer noch jene mythologisierte Verbindung besteht. Durch die Relikte des ehemaligen Habsburgerreiches in der Bukowina, Galizien und Lodomerien begeben wir uns auf die Suche nach einem österreichischen Atlantis.

«Nach einer Stunde hält der Zug im Bahnhofe zu Czernowitz.
Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe.
Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Muthe:
er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung,
Gesittung und weißes Tischzeug zu finden»
Karl Emil Franzos
Wenn Karl Emil Franzos heute, im Jahre 2017, für ein Wochenende nach Czernowitz gekommen wäre, so hätte er in den dortigen Cafés und Restaurants schon das weiße Tischzeug, keinesfalls aber den Westen gefunden. Der postsowjetische Czernowitzer Alltag steht in Konkurrenz mit dem europäischen Geist der Stadt, der vorwiegend nur in der Architektur und den deutschsprachigen Gesellschaften erhalten blieb. Es gibt noch manche Menschen, die über die kaiserlichen Zeiten von Czernowitz aus den Lebensgeschichten ihrer Großeltern wissen, aber nur wenige von ihnen leben noch in der Ukraine.
Vom Bahnhof zum Hotel fahren wir durch die Hauptstraße, die einst ihren Namen dem General Karl Freiherr von Enzenberg, dem zweiten kaiserlichen Statthalter und Militärverwalter der Bukowina, verdankte. Nach dem in Beton eingekleideten Kiew mit seinen grauen sogenannten „Tschechen" und „Chruschtschow-Bauten" – untrüglichen Symbolen des Sowjettums – fesselt Czernowitz mit seinen wohldurchdachten und prägnanten Gebäuden. Fast überall an den Fassaden sind antike Frauenmasken – für die damalige österreichische Architektur kennzeichnende Basreliefs – zu sehen. Dass in diesen steinernen Gesichtern nicht immer jene „Engel der Moderne" erkennbar sind, hat nun einen Grund. Abgebrochene Nasen, schmutzige Gesichter und Ermüdung in den Augen – die Masken der Schönheiten überlebten die Sowjetunion. Es gilt noch unter der ukrainischen Unabhängigkeit am Leben zu bleiben.

„Wir befinden uns im Blinddarm der Ukraine".

„Was meinen Sie?"

„Ich meine, Czernowitz soll sich offener der Ukraine gegenüber positionieren. Es mangelt hier an guten Verkehrsverbindungen mit den anderen Regionen. Czernowitz hat zurzeit einen gewissen Mythos, eine europäische Stadt zu sein, aber die Verbindung mit Europa existiert eher auf einer zwischenmenschlichen Ebene, sie ist nicht systemeigen", erzählt uns die Czernowitzer Stadtplanerin Natalja Jerjomenko.


Die Vorteile von Czernowitz sind seine Lage und die Landschaft, die Möglichkeit, die Stadt in einer halben Stunde zu durchqueren, und die für neue Ideen immer offene Stadtverwaltung, glaubt sie. Aber trotzdem wollen die Jugendlichen nach Kiew oder Lemberg wegsiedeln, dafür kommen in die Stadt die Einwohner aus den umgebenden Dörfern. „In der Stadt gibt es immer noch keine moderate Konzerthalle und alternativen Kulturräume", sagt Natalja. Nach neun Uhr abends sieht Czernowitz tatsächlich wie ausgestorben aus. Vor diesem Hintergrund entstehen im Kopf Bilder aus Silent Hill und I am Legend oder aus menschenleeren Städten am Tag nach der Silvesterfeier. Das Letztere, wie Sie wohl verstehen, ist das Schrecklichste.

Andererseits birgt die abendliche Menschenleere der Czernowitzer Stadtmitte etwas Romantisches in sich. Die Olha-Kobyljanska-Straße ist eine der schönsten in Czernowitz. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt spaziert, so ist es schwer, nicht zu bemerken, dass alles ringsherum von der einstigen Zugehörigkeit dieser Stadt zu Österreich-Ungarn spricht. In solchen Augenblicken erfüllt einen das Gefühl, dass das, was hier nach dem Zweiten Weltkrieg passierte, eine reine Erfindung ist. Czernowitz gelang es, seine prowestliche Ausrichtung zu erhalten und sei es auch nur äußerlich.
Aktive Einwohner versuchen den europäischen Geist der Stadt wieder zu beleben. In Czernowitz sind einige deutsche Einrichtungen wie z. B. das Gedankendach und das Goethe-Institut tätig. Zahlreiche Projekte fördert auch die österreichische OeAD-Kooperationsstelle Lemberg. Mit ihrer Unterstützung findet Studentenaustausch statt, werden Sommerschulen, Sprachkurse, Literaturclubsitzungen u. a. durchgeführt. Aus Deutschland sind hier oft Volontäre zu Gast, die bereit sind, bei der Rückkehr der Stadt nach Europa zu helfen.

Steve, auch ein deutscher Volontär, sagt, dass die deutschsprachige Kultur in Czernowitz immer noch da sei, sie liege aber tot. „Einige Menschen hier interessieren sich für ihre Vergangenheit und beginnen Deutsch zu lernen. Denn Deutsch gibt den Ukrainern wirtschaftliche Chancen. Dafür gibt das Ukrainische den Deutschen die kulturellen Möglichkeiten", begründet Steve seinen Wunsch, Ukrainisch in Czernowitz zu beherrschen.
„Da ist das echte Österreich", reagiert ein zufällig vorbeikommender, etwa 50 Jahre alter Fußgänger auf unsere Frage, wie wir zum Literaturcafé kommen können. Nachdem er aber den Stadtplan aus dem touristischen Info-Büro des Magistrats in unseren Händen erblickt hat, fügt er hinzu: „Nach dem Stadtplan verstehen Sie aber gar nichts, nehmen Sie lieber den meinen", und holt aus seiner Tasche einen in A4-Format kopierten Stadtplan von Czernowitz heraus.

„Und wieso ist das echte Österreich gerade in dem Literaturcafé?"

„Denn sämtliche alten Möbel aus dem Kaffeehaus Habsburg, das hier zu Habsburgischen Zeiten war, übernahm das Literaturcafé. Dort ist es besser, als in unseren Museen. Alles Gute brachte man aus Czernowitz nach Lemberg und Kiew und uns ließ man hier lauter Scheiß, daher gehen Sie lieber ins Literaturcafé. Und noch etwas: Besuchen Sie da auch das Klo. Die Klomuschel ist da aus jenen alten Zeiten erhalten. Oder doch nicht. Sie ist schon kaputt. Jemand soll darauf mit Füßen gestiegen sein."

„Stimmt es, dass sich früher jeder Czernowitzer fast verpflichtet fühlte, einmal Wien zu besuchen?"

„Ich weiß nur, dass man früher, vor den Sowjets, wie man mir erzählte, in jedem Hotel mit Paris oder Berlin telefonisch verbunden werden konnte. Oder auch mit Wien. Da gab es keine Probleme."

„Gut, danke!"

„Warten Sie. Ein paar Ratschläge noch: Sie werden Ihnen da den Weizengrießkuchen empfehlen, nehmen Sie den lieber nicht. Er ist hier bei uns jüdisch. Und noch etwas: Trinken Sie da keinen Wein, den Sie Ihnen empfehlen werden", sagte uns schlau blinzelnd unser Gesprächspartner und ging Richtung Kreuzung.
Die Multikulturalität von Czernowitz blieb nicht nur in den Erzählungen der Großmütter erhalten, sie ist auch auf den Straßen hörbar. Während unseres fünftägigen Aufenthaltes in der Stadt hörten wir Menschen acht Sprachen sprechen – von Rumänisch und Italienisch bis Polnisch und Deutsch. Diese Erfahrung hatten wir in keiner anderen Stadt auf unserer Reiseroute. Hier sind in einer Straße das Café Bukarest und Rumänischkurse, das polnische Kulturzentrum und das Wiener Kaffeehaus. Apropos Wiener Kaffeehaus. Der erste Satz, den wir dort hörten, lautete auf Russisch: Wenn Sie Dessertchen möchten, schauen Sie sich da welche an der Theke an.
Wie der österreichische Honorarkonsul und Historiker Serhij Osatschuk sagt, bestand Czernowitz vor den Habsburgern aus lauter Lehmhütten und nur wenige Einwohner konnten lesen. „Zu österreichisch-ungarischen Zeiten begann sich die Bevölkerung zu bilden. Man belegte die Eltern sogar mit Geldstrafen, wenn sie ihre Kinder nicht in die Schule gehen ließen. Die Erwachsenen aber zwang niemand dazu. Wollte man etwas erreichen, so musste man die Sprache und Lesen und Schreiben lernen. Wollte man Kühe weiden gehen, so musste man Deutsch nicht unbedingt können. Den Kühen ist doch egal, welche Sprache man spricht", sagt Herr Osatschuk.

In einer Zeitung aus der österreichisch-ungarischen Zeit finden wir tatsächlich ein Inserat mit dem Stellenangebot für ein Kindermädchen, bei dem Deutschkenntnisse als die wichtigste Voraussetzung für die Kandidatin angegeben sind. Dabei war die Presse des damaligen Czernowitz vielsprachig. Texte sind auf Polnisch, Französisch und Deutsch verfasst. Die damaligen Gesetze wurden aber vorwiegend auf Deutsch, Ruthenisch und Rumänisch veröffentlicht.
Das deutsche Kulturzentrum befindet sich direkt in der Stadtmitte. Die Haustür steht immer aufgeschlossen, was im postsowjetischen Raum eher untypisch ist. Die rot gestrichene Tür (in der Sowjetzeit wurden Fußböden, Türen und manchmal auch Decken mit dunkelroter Farbe gestrichen; oft wurden mit der Farbe sogar hochwertige alte Parkettböden bedeckt) und Holzbalken vor dem Eingang verraten gleich die Geschichte des Gebäudes.

Im Flur haben sich bereits junge Leute versammelt. Sie warten auf den Beginn des deutschen Clubs, der von Daniel aus dem ostdeutschen Jena geleitet wird.
„So kann ich Deutsch besser lernen", sagt Karina. „Ich war überrascht, als ich hier den deutschen Volontär getroffen habe. Er lernt Ukrainisch."

Der Sprachassistent Daniel ist nicht der Assistent, der Ukrainisch kann. Dafür kann er sehr gut Polnisch und Russisch und sagt, dass er sich sehr für andere Kulturen interessiert. Nicht zufällig wählte er gerade Czernowitz für das Leben und die Arbeit im nächsten halben Jahr. Daniel sagt, in Lemberg oder in Kiew sei man einer aus einer Million, in Czernowitz sei jedoch ein individuelles Herangehen immer möglich.

„Ich mag Czernowitz sehr. Schon in Deutschland lernte ich Menschen kennen, deren Vorfahren diese Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts verlassen hatten."

„Wer sind größtenteils die, die zu dir Deutsch lernen kommen?"

„Das sind Menschen mit deutschen oder österreichischen Wurzeln. Sie wollen die Sprache ihrer Vorfahren sprechen können. Aber ich versuche ihnen nicht nur die Sprache, sondern auch Sitten, Bräuche, Alltagsleben und Kultur beizubringen. Ich glaube, die Menschen sollen verstehen, dass das Land nicht allein die Sprache ist. Das ist ein System."

„Fühlst du dich mit den hiesigen Deutschen und Österreichern verbunden?"

„Ich fühle, dass sie manchmal deutscher sind, als ich. Sie sind die stereotypen Deutschen, die man sich oft vorstellt. Das heißt, sie singen zum Akkordeon, feiern alle deutschen Feste und so weiter. Als wären sie die Deutschen aus der Vergangenheit. Deswegen lerne ich hier nicht nur die Ukraine kennen, sondern erfahre auch mehr über mich, über Deutschland."
Begeistert von der Zahl der Projekte, die Österreich und Deutschland in Czernowitz unterstützen, verlassen wir das Deutsche Haus. Es sieht wirklich hoffnungsvoll aus: Junge Menschen lernen Deutsch, können gut Englisch und sind bereit, der europäischen Familie beizutreten. Plötzlich spricht uns ein etwa 60 Jahre alter Mann an:

„Dies alles ist gut, aber wenn die Deutschen uns lieber ein paar Millionen gegeben hätten, und nicht das hier", und zeigt auf das Deutsche Haus. „Wir hätten schon gewusst, wohin mit dem Geld."

«Dank der Architektur von Stanislau bleibt Iwano-Frankiwsk in einem ästhetischen Raum mit Wien, Budapest, Krakau. Das fällt sofort auf, sobald man aus dem Zug aussteigt und gegossene Verzierungen an Pfeilern auf dem Bahnsteig sieht»

Halyna Petrosanjak
Nach Iwano-Frankiwsk fahren wir mit dem IC Czernowitz – Lemberg. Dadurch, dass es keine direkte Verbindung nach Wien mehr gibt, stellen wir uns auf ein häufiges Umsteigen ein. Der Waggon hat keine Liegeplätze, das ist eher ein abteilloser Lokalzug mit neuen Sitzen, automatischen Türen und sehr sauber. Mit dem IC kann man die Strecke von Czernowitz nach Iwano-Frankiwsk in einer Stunde und 45 Minuten zurücklegen. Fast genauso viel Zeit nimmt die Fahrt aus einem Randbezirk in die Innenstadt von Kiew in Anspruch. Die Mobilität fasziniert und beruhigt die Seele: Wir werden nicht einen halben Tag in stickigen oder kalten Waggons verbringen müssen, wie es in den ukrainischen Zügen oft der Fall ist. Aber ausgerechnet heute versperrt der reichliche Schnee die Gleise, und wir kommen mit einer Verspätung von zweieinhalb Stunden an. In der Station Iwano-Frankiwsk macht die Zugbegleiterin nicht einmal die Waggontür auf, stattdessen schaut sie verträumt aus dem Fenster hinaus und wird von unserem panischen „Ach! Wir müssen hier doch aussteigen!" aus ihren Träumen geschüttelt. Die Waggons haben sich schon langsam in Richtung Lemberg in Bewegung gesetzt.

„Ich dachte schon, dass hier niemand aussteigen würde", sagt die Zugbegleiterin immer noch verträumt und öffnet die Tür.

Und tatsächlich springen aus dem ganzen Zug nur vier auf den Bahnsteig – zwei Menschen und zwei große Koffer. Unsere Koffer. Weiter folgen das Bahnhofscafé und zwei Tassen Tee, vergebliche Versuche, ein Taxi zu rufen, und die reizlose Aussicht, zu Fuß gehen zu müssen.

„Ich sag ihr doch, sie soll nach Polen fahren und für die Wohnung verdienen. Mit dem Mann oder auch ohne", hören wir besserwisserisch eine ungefähr 35 Jahre alte Frau am Nachbartisch sprechen.

„Fahr du", antwortet ihr Gesprächspartner und trinkt sein Helles fertig.

„Ich will nach Moskau. Warum denn nicht? Werde dort Sport unterrichten", beendet die Frau das Gespräch.
An den Wänden hängen Bilder mit Motiven des alten Stanislau, der Stadt also, die Iwano-Frankiwsk vor ca. 80 Jahren war. Auf den Bildern ist das heutige Franyk, wie seine Einwohner es manchmal nennen, kaum zu erkennen. Das Iwano-Frankiwsk des 21. Jahrhunderts ist ein Denkmal für die Inkonsequenz der sowjetischen Architektur, chaotische Verbauung von Sezession-Bauensembles und eine totale Eroberung des umgebenden Raums durch die „Chruschtschow-Wohnhäuser". Das während des Ersten Weltkriegs zum Teil und während des Zweiten zur Gänze zerstörte und in der sowjetischen Epoche widersinnig bebaute Iwano-Frankiwsk bewahrt stellenweise immer noch seinen europäischen Charme, als wollte es damit sagen, dass es einst auch einer ganz anderen Welt angehört habe.

Einer Welt, die so anders war, dass die heutige Stadt nur seine übereifrigen Einwohner als Stanislau zu bezeichnen riskieren. Manchmal sind das auch Schriftsteller und Künstler, die sich von der Geschichte des österreichisch-ungarischen Iwano-Frankiwsk inspiriert fühlen. Stanislau als die lokale Legende über die guten alten Zeiten, als die Bäume groß waren und die Fräulein lange, prachtvolle Kleider trugen.
Der Schriftsteller Jurij Andruchowytsch hält die Einführung des alten Stadtnamens Stanislau bzw. Stanislawiw als offiziellen Stadtnamen nur in dem Fall für plausibel, wenn die ganze Stadtmitte unter einen offiziell garantierten historisch-kulturellen Denkmalschutz gestellt wird. In einem anderen Fall hat es keinen Sinn mehr, denn in Iwano-Frankiwsk wohnen nun nicht nur andere Menschen und stehen nicht nur andere Gebäude, sondern anders ist auch der Lebensstil in der Stadt.

„Das 20. Jahrhundert fügte der Stadt nicht mehr wiedergutzumachende Verluste zu. Wie zum Beispiel den Holocaust. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung von Stanislau ist umgebracht worden. Die polnische Bevölkerung war gezwungen, die Stadt zu verlassen. Außerdem war die ukrainische Bevölkerung der Stadt schon im Jahre 1946 nicht mehr die ukrainische Bevölkerung der 1930er Jahre. Hier fand eine große Völkerwanderung statt – manche wurden nach Sibirien verbannt, andere ins Jenseits befördert, einige retteten sich in den Westen", erzählt der Patriarch der ukrainischen Literatur, wie man Jurij Andruchowytsch in den Schriftstellerkreisen der Ukraine nennt, und fügt noch hinzu, dass sich in den menschenleer zurückgelassenen Wohnungen und Häusern die Übersiedler aus den östlichen Teilen der Sowjetunion und Einwohner aus den umgebenden Dörfern einquartierten.

„Haben Sie sich in den 60er und 70er Jahren in Iwano-Frankiwsk als ein sowjetischer Mensch gefühlt?", fragen wir Jurij Andruchowytsch.

„Ich bin mit einer Gegenüberstellung groß geworden: Da sind wir, und da sind sie. Sie sind in der Partei, sie sind nicht von hier, sie sind russischsprachig. Die Russischsprachigen nannten uns „Hiesige". Wir nannten sie wiederum „Russen", obwohl die Familiennamen bei vielen von ihnen auf -enko (eines der charakteristischsten Suffixe bei den ukrainischen Familiennamen) auslauteten, sie kamen aus der Umgebung von Kiew oder Charkiw. Das hat uns aber am wenigsten interessiert. Ich persönlich habe von Europa geträumt. Mit acht Jahren hat sich für mich eine Gelegenheit ergeben, Prag zu besuchen. Dort haben sich unsere Verwandten wiedergefunden, die zuvor die Ukraine verlassen hatten. Das war 1968, und ich glaube, dass diese Reise mein ganzes weiteres Leben beeinflusst hat. Man kann sich fragen, was konnte es Besonderes in der kommunistischen Tschechoslowakei geben? Aber wir haben dort den Höhepunkt des Prager Frühlings erlebt. Und als wir dann wieder nach Hause zurückgekehrt sind, haben wir erfahren, dass die sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei einmarschiert waren (es handelt sich um den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei im Sommer 1968, um die antikommunistischen Proteste niederzuwerfen).

Prag ist mir als eine sehr bunte Welt in Erinnerung geblieben, wo die Menschen nett, nicht griesgrämig und nicht aggressiv sind. Dort habe ich zum ersten Mal Burschen mit langen Haaren und Mädels in Miniröcken gesehen. Die dortigen Fernsehkanäle haben Beatles-Konzerte gesendet. Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich nach der Reise unter den gleichaltrigen Burschen in sehr hohem Ansehen gestanden habe – sie haben meinen Erzählungen über jene westliche Welt gelauscht, das mitgebrachte Spielzeug und die Kleidung fasziniert bewundert. Ich war wie der Orpheus, der aus der Hölle zurückgekehrt war. Daher war ich auch schockiert, dass unsere sowjetische Armee die wunderschöne Welt dort überfallen hat. Und noch mehr, sie haben damals auch meinen Vater als Reservisten einberufen. Aber ich war nicht auf der Seite der Sowjetarmee. So ist es bei mir mit acht Jahren zum ersten politischen Konflikt mit der Sowjetmacht gekommen".

Jetzt ist Iwano-Frankiwsk eine Stadt, wo verschiedene urbanistische Projekte erfolgreich umgesetzt werden. Außerdem trägt es zu Recht den Titel der ukrainischen Literaturhauptstadt. In dem Sinne sei nur das sogenannte „Stanislauer Phänomen" (der künstlerische und literarische Boom in Iwano-Frankiwsk in den 1980er und 1990er Jahren, der für die ganze ukrainische Kultur von Belang wurde) genannt.

Die hiesigen Jugendlichen sind erfüllt von Enthusiasmus und an Beispielen aus dem Westen inspirierten Ideen. Das lässt sich nicht nur durch die Gegenüberstellung „wir vs. sie", die in Iwano-Frankiwsk die ganze sowjetische Periode lang existierte, sondern auch durch den Einfluss von Österreich-Ungarn erklären. Es entstand der Begriff „die galizische Behändigkeit", womit gemeint wird, dass die Galizier sich unter allen Umständen zu helfen wissen.
Der Schriftsteller Taras Prochasko sagt, dass in Iwano-Frankiwsk das galizische Gewohnheitsrecht, das sich gerade zu Zeiten der Monarchie herausbildete, sehr spürbar ist. „Soziale Vereinbarung spielt hier eine große Rolle. Diese Art Regel ist in Iwano-Frankiwsk viel stärker, als im Osten oder Zentrum der Ukraine", erklärt Taras Prochasko. Die österreichisch-ungarischen Behörden stützten sich zur Zeit des Eisenbahnausbaus nach Czernowitz auf grundlegende demokratische Prinzipien. Die Beamten waren sich sehr gut bewusst, dass die Monarchie ein Vielvölkerstaat war, und verstanden auch die Notwendigkeit, bei der Beilegung von Konflikten sanft vorzugehen.

So unterstützten die Behörden Gründungen von Vereinen, Gemeinschaften usw. und dadurch konnte eine Zivilgesellschaft entstehen. Im 19. Jahrhundert brachte die k. u. k. Monarchie die Kultur der gesellschaftlichen Initiativen nach Galizien mit. Aber nach der Meinung von Jurij Andruchowytsch entwickelte sich diese Praxis in vollem Ausmaß erst zur Zeit der Zweiten Polnischen Republik: „Die damalige polnische Regierung betrieb eine sehr aggressive Assimilationspolitik den Ukrainern gegenüber. Der Widerstand dagegen wurde nicht nur durch den Terror (Organisation der Ukrainischen Nationalisten, Ukrainische Aufständische Armee), sondern auch auf legalem Wege – durch den Ausbau einer Zivilgesellschaft – geleistet." Wie dem auch sei, ist das heutige Galizien Vorreiter der ukrainischen Umgestaltungen.

Im Büro der „Warmen Stadt" in Iwano-Frankiwsk wimmelt es wie in einem Bienenhaus: Jeder bemüht sich, mehr zu machen und alles besser zu tun. Die „Warme Stadt" ist eine Plattform zur Umsetzung verschiedenster Initiativen von Fahrradwegen bis zum On-Line-Radiosender UrbanSpace. Der Leiter und Anreger der „Warmen Stadt", Jurij Fyljuk, sagt, dass sie halt das Leben komfortabler machen wollen:

„Sich in jeder Situation zu helfen zu wissen, ist sehr galizisch. Die österreichisch-ungarische Periode hatte schon eine positive Auswirkung auf die Haltung zum Privateigentum und gewisse kulturelle Aspekte."

„So ist es wohl sinnvoll, sich auch weiter von Österreich-Ungarn inspirieren zu lassen?"

„Unsere Aufgabe sehen wir darin, starke Elemente in den Kulturen zu finden, an denen wir einst beteiligt waren, und unsere eigene Identität zu finden. Letzten Endes sind wir doch Ukrainer", fasst Jurij Fyljuk zusammen.
Heute lohnt es sich nach Iwano-Frankiwsk zu kommen, um nicht nur den Żurek (traditionelle polnische Sauermehlsuppe) zu kosten, sondern auch um sein aktives gesellschaftliches Umfeld kennen zu lernen und sich mit seinen Ideen und Wegen zu ihrer Umsetzung bekannt zu machen. Wie auch vor einhundert Jahren inspiriert Iwano-Frankiwsk auch heute Schriftsteller und Künstler wie ein großes Künstlerviertel.

Die gemütlichste ukrainische Stadt wäre ohne die Eisenbahnverbindung Wien – Czernowitz ein desolates Dorf aus der Jahrhundertwende geblieben. Dank der Eisenbahn wurde Iwano-Frankiwsk zur Pforte in die Karpaten, zu einem Hafen, wo natürliche Ressourcen aus den Bergen und Leistungen des „huzulischen Tourismus" zusammenfließen.

Nicht zufällig war die Eisenbahndirektion gerade in Stanislau stationiert. Dafür sollen regelrechte Gefechte unter den Städten geführt und sogar Bestechungsgeld nach Wien gebracht worden sein. Aber das ist wiederum eine ganz andere Geschichte.
« Am anderen Ende der Monarchie, in der galizischen Landeshauptstadt Lemberg,
dachten gleich mehrere Köpfe an die Notwendigkeit einer Eisenbahn für Galizien […] Gemeinsam war den provinziellen galizischen Köpfen, dass sie alle in einem Organ vertreten waren,
das mehr Symbol als Macht besaß»



Taras Prochasko
„Hirtenflöten", bekommen wir aus dem Ende unseres Waggons mit türlosen Abteilen während unserer Fahrt aus Iwano-Frankiwsk nach Lemberg zu hören. Ein Mann im Alter von etwa 80 Jahren stimmt huzulische Melodien an und verkauft dabei hölzerne Karpatenhirtenflöten.

„Haben Sie die selbst gemacht?", interessieren wir uns.

„Warum?"

„Sind sie handgefertigt?"

„Warum?"

„Was kostet eine?"

„20 Hrywnja". Das matte Licht im Waggon flattert wie ein Schmetterling im Sterben. Im Kopf steckt nur ein Gedanke: Warum ist es hier so heiß? Und noch einer: Wann kommen wir endlich an?
Wir sind in die galizische Landeshauptstadt Lemberg unterwegs. In den Jahren 1855 und 1856 beschlossen hier Vertreter des galizischen Adels die Verhandlungen über den Eisenbahnbau von Przemyśl über Lemberg und weiter nach Czernowitz mit der österreichischen Zentralregierung aufzunehmen. Die österreichische Regierung meinte aber, dass es doch sicherer wäre, wenn die Eisenbahn in staatlichem Besitz und nicht in privaten Händen wäre, geschweige denn in privaten polnischen Händen, zu denen die Österreicher, gelinde gesagt, kein großes Vertrauen hatten. Das führte zu einer Konfrontation zwischen den staatlichen Behörden und dem galizischen Adel. Aber die eingetretene Finanzkrise zwang die Zentralregierung, auf eine partielle Beteiligung des Adels einzugehen.

Gleichzeitig gewann sie für den Eisenbahnbau auch viele deutsche Investoren. Somit behielt der österreichische Staat seinen Einfluss auf die Eisenbahn Wien – Czernowitz. Aber wegen finanzieller Schwierigkeiten konnten die Gleise nur bis Lemberg verlegt werden, weswegen Vertreter der Czernowitzer Gemeinde beschlossen, sich mit der Bitte um Verlängerung der Gleise bis in die Bukowina an den Kaiser persönlich zu wenden.
Der Lemberger Bahnhof ist ein Corpus delicti dafür, welchen großen Wert die Monarchie auf diese Stadt legte. Ein prächtigeres und majestätischeres Bahnhofsgebäude gab es nur in Wien. Weder Krakau, noch Przemyśl, noch Czernowitz und Stanislau hatten einen schöneren Bahnhof.

In der Haupthalle des Lemberger Bahnhofs ist wie immer großer Betrieb und es riecht nach der Poltwa (einem kleinen, unter der Stadt fließenden Flüsschen), damit erklärt man jedenfalls den fast täglichen Gestank in der Stadt. Die Innenwände des Bahnhofs müssen umgestaltet worden sein, wovon die charakteristischen weißen sowjetischen Kacheln an den Säulen ein untrügliches Zeugnis ablegen.
Wir beschließen, die Tickets nach Przemyśl vorzeitig zu kaufen, und kommen an den im ganzen Bahnhof einzigen Schalter für den internationalen Eisenbahnverkehr.

„Da sagten sie mir, dass man hier Fahrkarten für Lokalzüge kaufen kann", meint eine Frau mit Kopftuch.

„Da steht doch INTERNATIONAL geschrieben", erwidert ihr ihre Reisegefährtin.

„Das ist aber halt nur so geschrieben!"

Leider Gottes sind an dem im ganzen Bahnhof einzigen internationalen Schalter Tickets nicht nur für den internationalen, sondern auch für den lokalen Nahverkehr erhältlich. Eine Erklärung dafür ist schwer zu finden. Die einzig plausible scheint die zu sein, dass die meisten Ukrainer die Grenzen ihres Landes auf Straßen- und Luftverkehrswegen passieren. Der internationale Eisenbahnverkehr erfreut sich keiner großen Beliebtheit. Damit der Schalter aber im Einsatz bleibt, werden auch Tickets für den lokalen Nahverkehr verkauft.

„Was soll das denn?", beginnen die Frauen in der Schlange nervös zu werden. Sie machen sich Sorgen, dass die Angestellte hinter dem Schalter viel zu langsam ist. Aber noch größere Sorgen machen sie sich darüber, dass hier jemand auch Tickets ins Ausland kaufen will. Als der größte Übeltäter erscheint jedoch ein Mann, der sein elektronisch gekauftes Ticket ausdrucken lassen will und die Prozedur, ohne anstehen zu müssen, absolvieren darf. Das Recht steht ihm voll und ganz zu.

„Gnädiger Herr! Sie sind doch ein Mann! Lassen Sie mich doch die Karte kaufen! Mein Zug fährt bald ab". Am Schalter beginnt ein echtes Durcheinander, und harte galizische Auseinandersetzungen gehen los. Wir bekommen trotzdem unsere Tickets und nur durch ein Wunder bleiben wir vom Zorn der Frauen verschont.
Zurzeit sind die Züge nach und aus Lemberg bis zum letzten Platz besetzt. Die Menschenmassen fahren in die galizische Hauptstadt um Eindrücke zu gewinnen, zu studieren oder einen interessanten Job zu suchen. Historiker Jaroslaw Hryzak sagt, dass Lemberg im 19. Jahrhundert eine viel stürmischere Entwicklung erlebte, als z. B. Krakau, das eher eine Kriegsfestung war, denn es lag nah an der Grenze und dahinter war Russland. „Die Habsburger haben Bestattungen neben den Kirchen verboten, weil sie das Ausbruchsrisiko von Epidemien erhöht haben. So sind der Lytschakiwer Friedhof und viele andere entstanden", erzählt der Historiker.

Lemberg war die Hauptstadt, in der sich das galizische Leben konzentrierte. Aber mit den Sowjets verliert die Stadt ihre Verbindungen mit der westlichen Welt, durch die Repressalien ändert sich die Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, und Lemberg wird ärmer. Den Tiefpunkt seines Niedergangs erreicht es in den 1990er Jahren, als die Fassaden der österreichischen Sezessionsgebäude verfallen waren, die Einwohner ihre Jobs verloren, der Tourismus unterentwickelt blieb und die sowjetischen Betriebe vernachlässigt stillstanden. Um nur ein Beispiel anzuführen, parkten noch bis 2007 in der eigentlichen Stadtmitte, auf dem Marktplatz am Rathaus, Autos. Das war keine Fußgängerzone mit schönen Laternen, Pferdekutschen, Glühwein oder was auch immer man noch fürs Märchen braucht.


Das heutige Lemberg entwickelt sich aber so schnell, dass es bereits mit Kiew nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in Bezug auf das menschliche Potential konkurrieren kann. Denn gerade in Lemberg ist die mächtigste kreative Szene in der Ukraine zu Hause. Die treibenden Kräfte dieser Entwicklung sind vor allem die romantische Vergangenheit Lembergs, Elemente einer Zivilgesellschaft und die Atmosphäre des „Andersseins". Es werden alte Gebäude restauriert und Gelände vernachlässigter Fabriken und Werke entsprechend den heutigen Bedürfnissen adaptiert, es bilden sich in großem Ausmaß öffentliche Räume und Gemeinschaften heraus, wo Kreativität mit schäumender Lebenskraft pulsiert.

„Lemberg wirft einen langen Schatten von sich, Lemberg zeigt das Anderssein, das möglich ist. Lemberg ist ein Europa ohne Schengen-Visapflicht. In Lemberg fühlt man sich anders. Lemberg ist eine Bazille, die es zu züchten und damit die anderen anzustecken gilt. Nach Lemberg kommen viele Jugendliche aus dem ukrainischen Osten. Das menschliche Kapital wie auch das Finanzkapital wandern heute innerhalb der Ukraine vom Osten nach Westen. Ich glaube, dass Lemberg imstande ist, die Annäherung der Ukraine an Europa und Europas an die Ukraine zu beschleunigen. Eine Nation ist vor allem Kommunikation. Und die Kommunikation ist vor allem das Eisenbahnnetz. Wenn man aus Lemberg nach Charkiw 24 Stunden braucht, dann ist an einen Zusammenhalt des Ostens und Westens nicht zu denken. Wir müssen wie ein Virus funktionieren. Damit aber die Viren funktionieren können, brauchen sie Verbreitungswege", denkt Jaroslaw Hryzak über die Rolle Lembergs in der heutigen Ukraine nach.
Mit jedem Jahr wird Lemberg immer mehr die Stadt, die ihre Marke in die ganze Ukraine exportiert. Manche Czernowitzer sagen, dass das erste Kaffeehaus eigentlich in Czernowitz und zwar um 14 Jahre früher, als das in Lemberg, eröffnet wurde. Wie dem auch sei, aber gerade der galizischen Hauptstadt gelang es, das Image einer Stadt von Kaffeehäusern zu schaffen.

Andererseits schaffen nicht alle Lemberger mit der Evolution der Stadt Schritt zu halten. Auch infrastrukturell bleibt Lemberg zurück – schlechte Verkehrskonzepte, ausgefahrene Straßen, Schwierigkeiten mit der Müllentsorgung u. a. Aber wenn man sich erinnert, dass die Lemberger Haushalte noch vor zehn Jahren das Wasser in der Leitung nur stundenweise erhielten, dann ist der Fortschritt offensichtlich. Wenn früher ein verliebter junger Mann seine Geliebte nach Wien bringen musste, um ihr dort seine Liebe zu gestehen (zumindest war eine solche Legende im Umlauf), so übernimmt Lemberg diese Rolle in der heutigen Ukraine.
Weiße Tischdecken, Zeitungen, es riecht nach Kaffee, und es gibt sogar Sachertorte. Wir sind im Wiener Kaffeehaus in Lemberg, das es schon zur Zeit der Monarchie gab und, wie die Historiker behaupten, sehr populär war.

Wir erhoffen uns, in die k. u. k. Atmosphäre einzutauchen, aber die Atmosphäre kommt mit den neuen Gästen – Büroangestellten mittleren Alters und türkischen Touristen.

„Krautrouladen für mich bitte!", hören wir im Saal.

Ohne Eisenbahn wäre das Lemberg des 19. Jahrhunderts von der Theaterstraße einerseits und dem Schlossberg andererseits eingegrenzt geblieben. Außerhalb dieser Grenzen erstreckten sich Sümpfe und Wälder, wo noch Mitte des Jahrhunderts auf Enten gejagt wurde.

Jaroslaw Hryzak bezeichnet Lemberg als eine durchaus habsburgische Kreatur. Es ist kaum vorstellbar, dass anstelle der Lemberger Oper Wälder mit Wölfen oder noch schlimmer die „Chruschtschow-Wohnhäuser" hätten sein können. Österreich-Ungarn brachte Lemberg für immer im gemeinsamen ästhetischen Raum mit den schönsten europäischen Städten unter. Und Lemberg scheint davon gut Gebrauch zu machen.
«In Przemyśl werden [die Ukrainer] „Schoschonjaner" genannt. Das ist natürlich ein Zugeständnis an die Phonetik, eine Reaktion auf das am Basar ständig zu hörende „scho-scho" – was, was? Vor zwanzig Jahren, als die Innenstadt von Lwiw von polnischen Händlern wimmelte, die ihre Waren aus ihren Maluchs [die Polen nannten ihren Trabi, den „polski fiat", liebevoll „maluch", d. h. „Kleiner"] heraus verkauften, fing man bei uns an, sie „Pscheky" zu nennen – nach demselben phonetischen Prinzip»
(Über Przemyśl in den 90en Jahren)


Jurij Andruchowytsch
Malerisch liegt die polnische Grenzstadt am San, einem so wichtigen Fluss für die ukrainischen und einer einzigartigen Lebensader für die polnischen Patrioten. Die Beziehungen zwischen den Ukrainern und Polen sollen hier besonders zugespitzt sein. Wenn die Ersteren glauben, dass die Konflikte künstlich angefacht werden, wollen die Zweiteren, wie sie glauben, die historische Gerechtigkeit wiederherstellen.

Wir machen uns also auf den Weg nach Przemyśl, unserer nächsten Station auf der Reise von Czernowitz nach Wien. Die Historiker sagen, dass dieses Gebiet anfangs weiße Kroaten bewohnten und dass es der Kiewer Fürst Wolodymyr später an die Kiewer Rus anschloss. Für einige Jahrhunderte blieb die Stadt also unter der Macht der galizischen und Kiewer Fürsten, bis der polnische König Kazimierz III. im 14. Jahrhundert sie zerstörte und unterwarf. So wurde Przemyśl polnisch und schon nach der ersten Teilung Polens fand es sich unter der österreichischen Krone wieder.
Der Lemberger Bahnhof um zehn Uhr abends, über den Bahnsteig bummelt in Eisenbahner-Weste gekleidet ein Clochard. Er bettelt um Zigaretten, aber auf dem Bahnsteig stehen nur wir und noch eine polnischsprachige Frau. Wir sind Nichtraucher, die Frau versteht ihn nicht. Der Zug, mit dem wir nach Przemyśl fahren sollen, steht schon da, aber die Türen gehen noch nicht auf. Aus einem Waggon steigt ein Zugbegleiter aus und reckt sich lässig.

„Würden Sie uns bitte sagen, wo unser Waggon ist?"

„Tam", antwortet der Zugbegleiter auf Polnisch und zeigt mit der Hand in eine der beiden Richtungen.

Wir machen uns schon Sorgen, weil es in unserem Waggon immer noch dunkel ist und niemand die geringsten Anstalten macht, die Tür aufzumachen, und beginnen an die Fenster zu klopfen. Auf unser Klopfen zeigt sich im Fenster die Zugbegleiterin. Kaum dass der Clochard in der Weste sie im Fenster erblickt hat, schreit er sofort los:

„Frau, ein Stück Brot! Frau, eine Zigarette! Frau, haben Sie was zum Trinken für mich?"

So zu dritt machen wir bestimmt nicht den angenehmsten Eindruck, aber die Zugbegleiterin öffnet trotzdem die Tür. Die nette polnische Zugbegleiterin bittet uns an unsere Plätze zu kommen und erklärt dem Mann in der Weste, dass sie nicht wüsste, womit sie ihm helfen könne. Der Zug ist leer, dafür aber sehr ordentlich. Im Abteil gibt es keine störenden Gerüche, was ein bisschen verblüfft: Sind wir wirklich im Zug? Die Fahrt soll, die Grenzkontrolle inklusive, drei Stunden dauern. Das scheint viel schneller als die Fahrt mit dem Bus über die Grenze zu sein. Plötzlich füllt sich der Waggon in der letzten Minute mit Ukrainern und ihrem Gepäck. Wir sind nicht allein, und das ist nicht schlecht.

„Entschuldigen Sie bitte, es ist aber zu heiß", wendet sich einer der Fahrgäste an die Zugbegleiterin.

„Machen Sie bitte das Fenster auf", antwortet die Frau, wodurch der Fahrgast einen Schock erlitten zu haben scheint.

In den ukrainischen Zügen ein Fenster aufzumachen ist unter Todesstrafe verboten. Auch wenn man im Waggon kaum atmen kann und die Menschen wie die Krebse auf dem Feuer rot werden und nicht gerade aus Verlegenheit, muss das Fenster trotzdem geschlossen bleiben. So seien die Vorschriften, bekommt man immer als Antwort. Die Möglichkeit, etwas frische Luft ins Abteil zu lassen, wundert und schockiert zugleich.

An die Grenze kommen wir ziemlich schnell. Die Grenzkontrolle beginnt. Die ukrainischen Grenzpolizisten sehen streng und konzentriert aus, die polnischen dagegen spaßen und erzählen Geschichten. Die ukrainischen sprechen Ukrainisch und Polnisch, die polnischen können nur eine dieser Sprachen. Und wie Sie wohl verstehen, ist das nicht unsere Amtssprache. Nachdem die Grenzpolizisten erfahren haben, dass wir nach Przemyśl fahren, sehen wir in ihren Augen komplettes Unverständnis. „Sie fahren also mit dem Nachtzug nach Przemyśl? Wobei Sie über den Fußgängerübergang gehen oder mit dem Bus fahren könnten?" Die Reise mit dem Zug ist doppelt so teuer wie die mit dem Bus, und wenn die Ukrainer nach Przemyśl fahren, dann machen sie das auf keinen Fall mit der Eisenbahn. Mit der Eisenbahn fahren sie nach Breslau, nach Warschau usw. Unser Ziel ist aber, jede Station mit dem Zug zu erreichen, daher hatten wir keine Wahl. Aufgrund der Merkwürdigkeit unserer Verkehrsmittelwahl unterlassen die Grenzpolizisten sogar die Kontrolle unseres Gepäcks. In der Station Przemyśl steigen aus dem Zug nur zwei Personen aus.

Auf den ersten Blick sieht hier alles wie das echte Europa aus, zumindest das Europa, das in unseren Vorstellungen lebt: Saubere Straßen, imposante altösterreichische Gebäude, Laternen, gute Straßen, gemütliche Cafés, wo im Unterschied zur Ukraine auch ältere Leute sitzen. Nach neun Uhr abends werden die Straßen leerer, und die Stadt taucht in eine sonderbare Romantik ein, die es nur in kleinen europäischen Provinzstädtchen gibt.
Über dem San schweben in der Luft die Schneeflocken und offenbar auch der Geist von Stepan Bandera. Denn wie kann man sonst erklären, dass das ganze Schaufenster einer Buchhandlung nahe dem Fluss mit Büchern wie „Wolhynien in Flammen" (es handelt sich um die Tragödie von Wolhynien im Jahre 1943, als polnische und ukrainische Bevölkerungsgruppen gegenseitige ethnische Säuberungen erlitten), „Die Mörder der Ukrainischen Aufständischen Armee", „Das polnische Lemberg" (ein Teil der polnischen Nationalisten behauptet mit allem Ernst, dass Lemberg eine polnische Stadt sei und die Ukrainer sie den Polen zurückgeben sollten) u. v. a. gefüllt ist.
Die Vorsitzende der Przemyśler Abteilung der Vereinigung der Ukrainer in Polen, Frau Marija Tucka, erzählt, dass polnisch-ukrainische Konflikte von Politikern geschürt werden, die mit diesem Thema politisch punkten wollen. Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zwangen die Ukrainer, die Stadt zu verlassen. Manche flohen nach Kanada oder Australien, andere wiederum nach Lemberg oder Ternopil. Zurzeit wohnen in Przemyśl ca. zwei Tausend Ukrainer. Ein Teil von ihnen ist seit vielen Generationen da. Leider, sagt Marija Tucka, wollen nicht alle Polen das verstehen. Viele glauben, dass die Ukrainer erst vor kurzem in die Stadt kamen und sie „erobern" wollen.

„In den 1990ern gab es auch Konflikte zwischen den Polen und Ukrainern in Przemyśl. Es sind immer wieder beleidigende Parolen an Hausmauern erschienen, Überfälle hat es gegeben, was auch heute passiert. Ich habe sie erlebt, als wir 1990 die Markijan-Schaschkewytsch-Schule eröffnen wollten. Und während eines Festivals der ukrainischen Kultur hat man Busse angezündet, mit denen die Kinder zum Festival gebracht wurden. Dasselbe ist passiert, als wir das Ukrainische Volkshaus zurückbekommen wollten. Es finden sich immer welche, die behaupten wollen, dass wir hier nur zu Gast sind. Aber hier sind die Gräber meiner Großeltern, meiner Urgroßeltern, meine Eltern lebten auf diesem Boden. Hier bin ich groß geworden, hier bin ich erzogen worden, hier bin ich in die Schule gegangen.

Und ich möchte, dass auch meine Kinder hier in Frieden leben können", erzählt Frau Tucka und fügt noch hinzu, dass die Polen in anderen Ländern, wie z. B. in England, respektiert werden wollen, wobei sie hier in Polen die Ukrainer kaum respektieren: „Manche kennen die Geschichte einfach schlecht und wollen nicht verstehen, dass wir auch Steuern zahlen, dass wir uns auch bemühen und in diese Stadt, in dieses Land investieren."


Heute gibt es in Przemyśl einen ukrainischen Kindergarten und eine ukrainische Schule mit Ukrainischunterricht. Die Schule besuchen vorwiegend Kinder, deren Vorfahren lange vor der Operation „Wisła" (Zwangsaussiedlung der Polen und Ukrainer aus ihren ethnischen Territorien nach dem Zweiten Weltkrieg) in dieser Stadt lebten, und auch Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine, die ihr Land wegen des Kriegs verlassen mussten. In der Stadt gibt es das Ukrainische Volkshaus, aber die Przemyśl einst eigene Multiethnizität und Multikonfessionalität sind in der Stadt nicht mehr spürbar. So finden Sie in Przemyśl keine Schilder in einer anderen Sprache außer auf Polnisch.

In einer Pizzeria hängt zum Beispiel ein altes Foto mit dem Bahnhof in Przemyśl an der Wand, das Schild mit dem ukrainischen Namen ist darauf mit Adobe Photoshop entfernt worden, wodurch man wahrscheinlich den ukrainischen Namen der Stadt „Перемишль" (Peremyschl) aus der Geschichte wegwischen und den polnischen Namen „Przemyśl" zementieren wollte.
Das im ehemaligen Galizien so stark präsente jüdische Element ist in der Stadt gar nicht mehr spürbar, das ukrainische Element wird aktiv bekämpft und die österreichischen Spuren sind schon ganz verwischt. Als das alte „Rittertor" in der Altstadt restauriert wurde, wurde das alte k. u. k. Wappen davon entfernt, was ziemlich signifikant für die heutige Erinnerungspolitik in Przemyśl ist. Die lokalen Behörden behaupteten, dass das Wappen ein Symbol der Besatzung sei, erzählt Frau Tucka weiter.

Immer größer wird in der Stadt auch das Problem der Verkehrsverbindungen: „Es schaut danach aus, als wollte man dieses Przemyśl abschotten, in der tiefen Provinz vernachlässigt lassen. Dabei war es früher, in der österreichisch-ungarischen Zeit, ein kulturelles und wissenschaftliches Zentrum an der Kreuzung von Handelswegen. Heute muss man, um nach Warschau zu fahren, in Rzeszów umsteigen. Die Jugendlichen verlassen die Stadt, und sie verliert ihre Bedeutung", sagt Frau Tucka.
Das Ukrainische Volkshaus wurde 1904 auf Kosten der hiesigen ukrainischen Gemeinde gegründet. Das Gebäude befindet sich in der Innenstadt gleich neben der Buchhandlung, deren Hauptangebot die Bücher über „das blutige Wolhynien" sind. Ob das ein Zufall ist oder nicht, ist schwer zu sagen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich im Ukrainischen Volkshaus ein recht aktives ukrainisches Leben. In der Stadt gastierte die ukrainische Opernsängerin Solomija Kruschelnyzka, arbeitete die ukrainische Künstlerin Olena Kultschyzka, oft war hier der ukrainischer Schriftsteller Iwan Franko zu Gast. Am wichtigsten ist aber, dass Przemyśl die Heimatstadt von Mychajlo Werbyzkyj ist, aus dessen Feder die Melodie der ukrainischen Hymne floss. Die hiesigen Ukrainer sagen, dass sie auch jetzt Unterstützung aus der Ukraine brauchen, bekommen sie aber nur selten.
Ins Ukrainische Haus hineinzukommen, ist keine leichte Aufgabe. Die Tür ist verschlossen. Auf unser Klopfen will sie uns niemand aufmachen. Wie wir aber später erfahren, werden im Haus die Innenräume renoviert. Heute soll eine Iwan-Franko-Gedenkveranstaltung stattfinden, und wir wollen sie besuchen. An uns vorbei geht ein älterer Herr in Wyschywanka (dem traditionellen ukrainischen Hemd) unter dem Sakko. Die Intuition oder das Wyschywanka veranlassen uns, ihm zu folgen. Nicht zu Unrecht. Der Herr kommt in einen großen und geräumigen Saal mit wunderschönem stilvollem Sonnenblumenstuck aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts.

„Guten Tag, liebe ukrainische Familie", beginnt der Herr mit samtweicher Stimme seine Rede. Mir fällt die Bemerkung von Daniel aus Czernowitz ein, dass die dortigen Deutschen wie die Deutschen aus der Vergangenheit seien. Die Ukrainer in Przemyśl scheinen auch aus der Vergangenheit zu sein. Fast alle Anwesenden sprechen Ukrainisch, wenn auch mit Akzent. Und fast alle brauchen ein Gemeinschaftsgefühl, das ihnen auf den Straßen von Przemyśl fehlt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Ukrainer ihr Volkshaus, und erst während des sogenannten „Tauwetters" (Ende der 50er – Anfang der 60er Jahre in der Sowjetunion) trauten sie sich, um die Vermietung des ersten Stockwerkes für ihre kulturelle Tätigkeit zu ersuchen, und blieben bis zum Jahre 2011 Mieter ihres eigenen Hauses. Erst nachdem die Ukrainer den Wert des Hauses in Przemyśl zum Teil abbezahlt und es gegen ein Haus in Lemberg für die dortige polnische Gemeinde getauscht hatten, konnten sie mit der Renovierung des stark baufälligen Volkshauses beginnen. Die Renovierung wird durch Förderungen und Spenden einzelner Gemeindemitglieder ermöglicht. Das neue Volkshaus soll zu einem allen offenstehenden Raum werden, wo man gut Zeit verbringen, eine Tasse Kaffee trinken und Veranstaltungen besuchen kann. Außerdem sind hier auch Polnisch- und Englischsprachkurse geplant. Zu diesem Zweck werden Räumlichkeiten auf dem Dachboden adaptiert. Nicht nur die Ukrainer, sondern alle Einwohner der Stadt und ihre Gäste werden in dem Haus willkommen sein.

„Das soll eine Brücke an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen werden. Außerdem soll das Haus für die Ukrainer zu einem Tor nach Europa und für die Polen zu einem in die Ukraine werden", erzählt Projektleiter Ihor Horkiw.

„So eine große Baustelle haben Sie hier, kolossal! Aber ihre Nachbarn, ob sie sich über den Lärm hier nicht beschweren", fragen wir Herrn Horkiw während der Führung durch das Volkshaus, die er sich für uns freundlicherweise zu machen bereit erklärte.

„Wissen Sie, so viele Anrufe mit Beschwerden über Renovierungsarbeiten wie von unseren Nachbarn hat die Polizei wahrscheinlich wegen keines anderen Hauses in der Stadt bekommen."

Auf dem noch nicht renovierten Fußboden liegen Zeugnisse der hundertjährigen ukrainischen Anwesenheit hier: Ukrainische Bücher, eine Fahne u. a. Außerdem fand Herr Horkiw im Schornstein Dokumente über die Gemeindesitzungen sowie Beweise über die Tätigkeit der Gemeinschaft „Proswita" (ukr. Aufklärung) in der Stadt. Diese Dokumente behandelt Herr Horkiw besonders behutsam: „Junge Polen glauben, dass die, die heute hier auf den Straßen laufen, Nachkommen derer sind, die in Wolhynien gemordet haben. Wir fallen auf und sind leicht als Feind zu identifizieren. Heute beginnt die Mehrheit in Przemyśl die auffallende und sich nicht versteckende Minderheit feindselig anzuschauen. Die Stadt erlebt jetzt einen wirtschaftlichen Rückgang, daher braucht man einen Sündenbock. Und wer ist der? Ukrainer, natürlich."
Uns fiel aber keine Unfreundlichkeit bzw. Feindseligkeit gegenüber Ukrainern auf. Vielleicht hatten wir Glück. Tatsache ist aber, dass die Verbindung Przemyśls mit der Ukraine sehr instabil ist. Außerdem ist auch sichtbar, wie sich die Verbindung Przemyśls mit Europa langsam auflöst, und die Stadt droht zu einem schlichten Provinznest zu degradieren. Interkulturelle Prozesse bleiben langsam stehen, und die sicherste Lösung ist unter diesen Umständen, nicht aufzufallen.

„Przemyśl ist ein aggressives Städtchen, das in den letzten Jahren sehr gut auf Kosten der Ukraine und Ukrainer lebt. Die Schließung der Grenze wäre ein großer Schlag. Aber manche in Przemyśl leben mit der Angst und der Erinnerung, dass das ukrainisches Gebiet ist, woraus folgt, dass die Ukrainer es zurückfordern könnten. In Krakau dagegen sind solche Ängste viel seltener", sagt Jaroslaw Hryzak.

Wir begeben uns nun auf den Bahnhof. Weiter wartet auf uns Krakau.

„We need two tickets to Krakow please", die Frau hinter dem Schalter schaut uns ratlos an.

„Wir brauchen zwei Tickets nach Krakau bitte", wiederholen wir unsere Bitte auf Ukrainisch.

„Och, dobrze!", was so viel heißt, wie: „Ach ja, gut!"

Ukrainisch wird hier verstanden.
«Die Avantgarde ist etwas sehr Typisches für Krakau, das war das junge Polen. Krakau hatte einen freien Geist, Lemberg dagegen war eine Bürokratenstadt. In Lemberg war Experimentieren unmöglich. Die Kultur der Avantgarde in Lemberg ist das, was wir von Krakau gelernt haben. Viele meine Krakauer Bekannten lieben Lemberg heiß, hegen für es ein brüderliches Gefühl»
Jaroslaw Hryzak
Dem Krakauer Bahnhof ist ein großes Einkaufszentrum angeschlossen, deswegen braucht man sich nicht zu wundern, wenn man vom Bahnsteig kommend sich gleich in einer Halle mit Boutiquen und Fast-Food-Restaurants wiederfindet. Das alte Bahnhofsgebäude steht abseits und scheint nicht mehr genutzt zu werden, denn um an die Schalter zu kommen, muss man wiederum die Einkaufshalle passieren. Das könnte die Metapher für diese Stadt sein: Krakau ist voll von Menschen, die des Vergnügens wegen, wegen der Souvenirs, des alten Europa oder billiger Unterhaltung in die Stadt kommen.
Wir können das Gefühl nicht loswerden, dass wir hier schon einmal gewesen sind. Dieses Gefühl mag jedoch jeder bekommen, der viel Zeit in Lemberg verbracht hat: Beide Städte sind sehr ähnlich. Zwar sind in Lemberg die Spuren der einstigen Landeshauptstadt spürbar, das heutige Krakau macht aber keinesfalls den Eindruck einer Provinzstadt. Es unterscheidet sich von Lemberg nur durch saubere Straßen, eine gute Infrastruktur und eine große Menge von betrunkenen britischen Touristen. Hier kann man oft die Meinung hören, dass Krakau seine Eigentümlichkeit und Identität verliert, indem es den Touristen gefällig sein will.

In der Stadt gibt es zum Beispiel nicht so viele Kaffeehäuser mit der Atmosphäre des alten Europa, dafür stößt man fast auf jeden Schritt und Tritt auf ein Pub oder einen Nightclub. Die polnische Sprache ist in der Krakauer Innenstadt nur selten zu hören, dafür ertönt von überall das Englische. Aber wenn Sie in Krakau nach dem echten Galizien suchen, dann muss Ihr Weg in das jüdische Viertel Kazimierz führen: Das alte und selige Krakau ist hier noch erhalten geblieben. Denn gerade die jüdische Bevölkerung war Träger der galizischen Identität und jene, welche die galizische Identität mit herausbildete.
Im Café Chimäre, wo das alte Europa noch spürbar ist, unterhalten wir uns mit einem Polen namens Szymon. Er zeigt sich an unserem Thema interessiert und äußert sich dazu:

„Wir, Polen, haben nichts gegen das heutige Österreich, aber die österreichisch-ungarischen Zeiten bedeuteten für uns Besatzung und die Aufteilung Polens. Natürlich unterschied sich die österreichische Monarchie in ihren Vorgehensweisen von der preußischen oder der russischen."

„Wodurch unterschied sie sich genau?"

„Durch vieles, in erster Linie dadurch, dass sich die anderen Kulturen in der österreichischen Monarchie frei entfalten konnten."

Szymon sagt, dass er nach 2014 Ukrainisch zu lernen begann, weil sich damals wichtige Ereignisse in der Ukraine zutrugen. Seitdem fährt Szymon oft nach Lemberg und wundert sich über seine Ähnlichkeit mit Krakau.

„Als ich das erste Mal nach Lemberg kam, fühlte ich mich wie im Krakau vor 30 Jahren. Im guten wie auch im schlechten Sinne. Mir hat aber nicht gefallen, dass es Souvenirs mit dem deutschen Namen der Stadt „Lemberg" und keine mit dem polnischen „Lwów" zu kaufen gibt. Warum ist das so?"

Szymon spricht über Lemberg als über eine rein polnische Stadt, die Polen für immer verlor. Diese Meinung ist unter den Polen ziemlich verbreitet, obwohl es schwer ist, gerade das altösterreichische Äußere Krakaus und Lembergs außer Acht zu lassen.
Die Veranstalterin der Ausstellung „Mythos Galizien" Żanna Komar erzählt, dass ein Teil der Polen die nichtpolnische Geschichte Lembergs ignoriert. Ältere Leute sind überzeugt, dass das Leben dort 1939 stehen blieb, und wollen nicht glauben, dass die Stadt immer noch lebt und sich aktiv entwickelt.

Frau Komar meint, dass sich der Mythos Galizien in Polen und der in der Ukraine wesentlich voneinander unterscheiden: „In der Ukraine ist der Mythos Galizien in der jetzigen historischen Etappe notwendiger und wichtiger".

Старий залізничний вокзал Кракова
Im 19. Jahrhundert war die Station Krakau weniger wichtig als die Station Lemberg. Karl Emil Franzos schrieb über den ungeheuren Gestank Krakaus und seine Provinzialität im Vergleich mit den anderen Städten der Monarchie. 2017 ist Krakau aber eines der wichtigsten touristischen Zentren Europas. Die Stadt ist mit allen westeuropäischen Ländern über Verkehrswege eng und bequem verbunden, was seine Vor- und Nachteile hat.

Einer der wichtigsten Nachteile ist das Fehlen eines Marketingkonzeptes für Krakau, eines in der Art, das Lemberg in der Ukraine hat. Heute ist es schwer zu sagen, was Krakau neben dem allgemeinen und verschwommenen Sinnbild einer touristischen Stadt noch für Polen bedeutet.
Krakau ist tolerant und ist in diesem Sinne ganz anders als Przemyśl, aber was Krakau für Polen ist, ist schwer zu sagen. Unter denen, die heute an der Marke „Krakau" arbeiten, befindet sich auch die ukrainische Unternehmenskette „Fest". Nachdem sie mit ihrer ausschließlich „Lemberger" Marke auf den Markt zu kommen versucht hatte, verstand sie, dass Krakau eigentlich seine eigene braucht. Und wenn die Polen das selbst nicht machen, warum sollten wir das denn nicht versuchen? Unerwartet erscheint das Logo der ukrainischen Kette am Hauptplatz der polnischen Stadt. Die Kette „Fest" erkennen können jedoch nur jene, die in Lemberg waren bzw. dort Souvenirs gekauft haben. Die westlichen Touristen haben keine Ahnung von der Herkunft dieser Marke. Im vorvorigen Jahrhundert soll die zentrale Konditorei in Krakau eigentlich den Namen „Lemberger Konditorei" gehabt haben.

In der k. u. k. Monarchie galten Krakau und Lemberg als konkurrierende Städte, heute aber verliert Lemberg gegenüber Krakau offensichtlich in der Tourismusbranche. Als Grund dafür nennen einige eine schlechte Verbindung der Ukraine mit Westeuropa. Um heute zum Beispiel aus der Ukraine nach Polen zu gelangen, muss man entweder mit einer langen Wartezeit an der Grenze oder im Falle einer Zugfahrt mit häufigem Umsteigen rechnen. Es gibt leider immer noch keine direkte Zugverbindung aus Lemberg nach Krakau. Ein Flugticket kostet 800 Zloty, wobei man aus Krakau nach Mexiko zum Beispiel bereits um 70 Zloty fliegen kann.
Sonntag am Abend. Wir sind in dem berühmten Hard Rock Cafe. Um uns herum spricht man Englisch und es riecht nach Alkohol und zwar stark nach modifiziertem, der nicht in den Mund, sondern aus dem Mund kommt. Es gibt keinen freien Tisch, deswegen wird uns geraten, an der Theke zu bleiben und zu warten.

Das erste, was sehr beeindruckt, ist die Stimmung. Alle sehen entweder traurig oder ermüdet aus. Vorwiegend sind das Pärchen – durch Reisen strapazierte Frauen und zerknitterte Männer. Fast jeder hat einen blauen Fleck entweder am Auge oder an der Stirn. Gestern war Samstag und viele scheinen sich ausgiebig vergnügt zu haben.

Die Männer sind entweder miteinander bekannt oder versuchen einander zu unterstützen:

„How are you, man?", kommt auf einen der Männer an der Theke sein hinkender Landsmann zu.
«Wien war in den Vorstellungen damaliger junger Leute, die hinter dem – scheinbar unzerstörbaren – „eisernen Vorhang" lebten, etwas ganz Besonderes»

Volodymyr Ohrysko
Im Waggon von Krakau nach Wien sind nur drei Fahrgäste unterwegs – wir und ein Amerikaner aus Delaware. Der einzige Grund, warum er mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug nach Wien reist, ist seine Monatskarte für die Eisenbahnen Europas. Mit dem Zug aus Polen nach Österreich zu reisen, ist eine wahre Herausforderung – die ganze Nacht im Waggon mit nur Sitzplätzen. Aber mit der Monatskarte ist es günstiger.
John erzählt über die amerikanischen Wahlen, seine Stellung zu Donald Trump und warum ihn Europa fasziniert. „Hier spürst du die Geschichte, dass es vor dir schon Vieles gab", sagt er.

Die Schaffner beginnen die Tickets erst nach zwei Stunden Fahrt zu kontrollieren. Auf uns warten noch zwei Ticketkontrollen – an der tschechischen und an der österreichischen Grenze. Der Zug besteht aus Kurswagen, die je nach ihrer weiteren Route abgekuppelt werden. Einer muss nach Prag, die anderen rollen nach Budapest und der letzte hat seine Endstation in Wien. Die Grenzpolizisten wundern sich offensichtlich, als sie um drei Uhr in der Nacht doch noch Reisende im Zug mit Sitzplätzen erblickt haben.

Die Sonne geht über der Donau auf und beleuchtet Wien. Eine Stadt, die in sich die ganze europäische Geschichte konzentriert. Eine Stadt, die uns sagt, dass eben hier alles seinen Anfang nahm. Alle von uns bis jetzt besuchten Städte sind Folgen der Existenz von Wien. Das verstehen wir immer mehr. Wie vor einhundert Jahren ist die österreichische Hauptstadt auch heute ein Treffpunkt für Menschen jeder Nationalität und jeder Konfession.
„In Wien scheint alles vorgeplant zu sein. Alles nach einem Zeitplan, jeder weiß, was er machen soll. Gemessener Rhythmus und Sicherheit. Sogar die, die sich gerade ausruhen, wissen genau, dass es jetzt zum Beispiel so und nicht anders kommen soll", erzählt uns der Czernowitzer Vitalij Bondar.

Herr Bondar wohnt schon seit fast 20 Jahren in Österreich und kann sich eine Rückkehr in die Ukraine nicht mehr vorstellen. Zum ersten Mal kam er als Germanistikstudent der Czernowitzer Universität nach Wien. Aber ein Grund, warum er in Wien blieb, waren die Erzählungen seines Großvaters, in denen die Erinnerungen an die österreichischen Husaren einen besonders wichtigen Platz einnahmen:

„Wir haben zu Hause schon verstanden, dass er bei manchen Geschichten wohl übertrieben hat, das war aber nicht wichtig. Ich habe geglaubt, dass die Straßen in Wien aus Gold sind, aber als ich gekommen bin, habe ich ähnliche Gebäude wie bei uns in Czernowitz gesehen. Der Unterschied war woanders. Der Unterschied war nicht in den Fassaden. Der Unterschied war in den Menschen."

„Und weshalb haben Sie entschieden, dass Sie in der Ukraine nicht mehr bleiben können?"

„In der Ukraine streben viele danach, immer wieder etwas wider das Gesetz zu tun, in Wien funktioniert alles anders. Hier bekommst du für dein Geld eine qualitativ hochwertige Dienstleistung und kannst dir dessen sicher sein. In der Ukraine aber mangelt es am Basisvertrauen der Leute untereinander."

Herr Bondar erzählt, dass es für ihn immer komplizierter wird, nach Czernowitz zu gelangen, um seine Eltern zu besuchen. Es gibt keinen direkten Zug und keine Flüge. Die Bukowina liegt von der westlichen Welt abgeschnitten, wobei sie früher ihr Bestandteil war. Vor 150 Jahren war es für einen Czernowitzer Einwohner eine Ehrensache, einmal nach Wien zu kommen, wie Historiker Serhij Osatschuk sagt. Im 19. Jahrhundert hieß es: Durch die Straßen der Hauptstadt zu bummeln und keinem einzigen Bukowiner zu begegnen ist unmöglich.
Interessant ist, dass die Ukrainer nicht nur am Wochenende nach Österreich kamen, sondern sie waren auch am politischen Leben des Staates aktiv beteiligt. Wir treffen den Enkel von Wolodymyr Zalozieckyj Sas, des Bukowiner Abgeordneten im k. u. k. Parlament. Der Nachkomme von Zaloziecki spricht nicht mehr Ukrainisch und war nur zweimal in Czernowitz, der Heimatstadt seines Großvaters. Er heißt mit dem Vor- und Familiennamen wie sein bekannter Vorfahr und hörte viele romantisierte Geschichten über jene Zeiten.

(Links auf dem Foto – Wolodymyr Zalozietskyj Sas, Mitglied des österreichischen Parlaments)
Herr Zalozieckyj ist elegant angezogen, freundlich und hat Manieren, die seine adelige Herkunft verraten. Er bietet uns Kaffee an und sagt, dass er wieder einmal nach Czernowitz kommen möchte. Aber durch die schlechten Verkehrsverbindungen ist es jedes Mal schwierig.

„In Czernowitz ist mir die große Ähnlichkeit der Architektur mit Wien aufgefallen, wobei die wirtschaftliche Situation dort sehr schlecht war. Probleme mit der Infrastruktur, die Menschen verkauften Lebensmittel gleich auf der Straße – alles hat sehr arm ausgesehen. Ich kann mich erinnern, wie man mir in der Kindheit Geschichten über jüdische, polnische und deutsche Milieus erzählt hat, aber damals, in den 1990ern, war das dort nicht mehr spürbar. Die ehemalige Multikulturalität war nur auf dem Friedhof anzutreffen. Aber nur in der Ukraine musste ich meine Vor- und Familiennamen nicht buchstabieren. Wenn ich zum Beispiel ein Hotelzimmer reserviere, muss ich das in der Regel machen. Für deutschsprachige Menschen ist mein Name kompliziert. Aber nur in Czernowitz bin ich nicht gefragt worden, der Hotelmanager hat meinen Namen sofort richtig notiert. Zuvor habe ich das niemals erlebt. Damals in Czernowitz habe ich mich zu Hause gefühlt."

„Können Sie sich an interessante Geschichten erinnern, die Ihnen Ihr Großvater oder Vater über Czernowitz erzählt hat?"

„Ich erinnere mich an die Geschichten darüber, dass im 19. Jahrhundert viele aus Czernowitz nach Wien einkaufen oder in die Oper gefahren sind. Das scheint damals etwas ganz Gewöhnliches gewesen zu sein. Mein Großvater pflegte zum Beispiel zu sagen, dass Wien zum Spazieren gut war, wobei man in Czernowitz gut ein heißes Fußbad nehmen und ins Bett gehen konnte."
Die ukrainischen Spuren sind in Wien sichtbarer als in Przemyśl oder Krakau. Die Historiker führen diese Tatsache auf eine größere Begünstigung der Ukrainer im Vergleich zum Beispiel gegenüber den Polen in Österreich-Ungarn zurück. Wie Jaroslaw Hryzak erzählt, konnten sich die Ukrainer dank Wien in einen ganz anderen Kontext versetzen, in dem sie sich viel geschätzter fühlen konnten.

Zugleich aber rät der Historiker, die damalige Zeit nicht zu idealisieren. „Unter der polnischen Dominanz litten die Ukrainer am Minderwertigkeitskomplex. Es bestand ein polnisch-ukrainischer Konflikt. In Wien aber war er sofort weg, denn die Polen wurden dort mit großer Skepsis angesehen. In Österreich war zum Beispiel das Vorurteil verbreitet, dass die Polen „zwei linke Hände" hätten, sie wurden mit ihrem Adel assoziiert, der nicht imstande war, zu wirtschaften. So war zum Beispiel der Ausdruck „die polnische Brücke" eine Metapher für eine Brücke mit Löchern. Die Ukrainer suchten in Wien den Komfort für sich", sagt Herr Hryzak.

Er fügt noch hinzu, dass viele wichtige Ereignisse in Lemberg ihren Anfang in Wien genommen haben, wie zum Beispiel das Konzept der griechisch-katholischen Kirche. Über die Ukrainer war dagegen das Vorurteil verbreitet, es sei ein Volk ohne staatliche Tradition, dem nur schwer Organisation und Verantwortungsgefühl beizubringen seien. Aber gerade die Ukrainer galten als eines der treuesten Völker in der Monarchie und wurden als Kinder behandelt, die man leben lehren muss.
Heute kann man auf den Straßen Wiens auch die wegen des Komforts nach Österreich gekommenen Ukrainer treffen – von Gastarbeitern bis Künstler und Studenten. So sprach uns plötzlich während eines unserer Interviews eine Frau namens Halyna an:

„Oh, Sie sind Ukrainer!"

„Ja."

„Mein Gott, wie angenehm. Ich gehe so durch die Straße und höre plötzlich meine Muttersprache."

Halyna erzählt, dass sie dem Beruf nach Ukrainischlehrerin ist. Ihr Mann ist Chemiker. Sie kommen aus Czernowitz. Vor Wien arbeiteten sie in Italien. Sie sagt, dass sie sich in Wien dank der Architektur wie zu Hause fühlt.

Eines der Zentren des geistigen Lebens der Ukrainer in Wien ist die griechisch-katholische St.-Barbara-Kirche. Wir kommen zum sonntäglichen Gottesdienst und sind beeindruckt von der Menge der in die Kirche gekommenen Ukrainer. Sie sind verschiedenen Alters, verschiedenen Geschlechts und wollen sich mit den anderen Ukrainern treffen. Der Pfarrer beginnt die Predigt mit den Worten: „Sie mussten Ihr Zuhause verlassen, um den Groschen zu verdienen". In dem Moment gehen an der Kirche neugierige Touristen vorbei. Ihre Aufmerksamkeit ziehen die große Menschenmenge und die unbekannte Sprache der Predigt an, die bis auf die Straße zu hören ist.

Die St.-Barbara-Kirche in Wien ist nicht nur ein Gebetshaus, sondern auch ein Treffpunkt. Am Eingang hängen Wohnungsanzeigen, Mitteilungen über geplante Veranstaltungen u. a. Nach dem Gottesdienst bleiben die Ukrainer noch vor der Kirche stehen, machen sich miteinander bekannt und tauschen Neuigkeiten aus.

Trotzdem ist die ukrainische Gemeinde in Wien verstreuter als die polnische. Aber gerade hier arbeiten die Polen und Ukrainer oft zusammen und begehen sogar Festtage gemeinsam. Die Mitveranstalterin der Tage der ukrainischen Kultur in Wien, Frau Oleksandra Sajenko, erzählt, dass die polnische Gemeinde 2015 den Ukrainern vorschlug, den Jahrestag des Abbruchs der Türkenbelagerung von Wien gemeinsam zu feiern. Außerdem war die polnische Botschaft in Wien Partner der Tage der ukrainischen Kultur.

„Die Tage der polnischen Kultur in Wien finden öfter statt, denn die Zahl der Polen überwiegt die der Ukrainer nach meinen Berechnungen etwa um das Zehnfache. Die heutige ukrainische Gemeinde ist zwar nicht groß, aber aktiv. Man weiß noch viel zu wenig über uns, und der Nachholbedarf ist noch groß", sagt Frau Sajenko und betont, dass es heute besonders wichtig ist, am positiven Image der Ukraine zu arbeiten, nicht so viel über die Not und den Krieg, sondern über ein Land zu reden, das sich ändert und große Perspektiven hat. Der beste Weg, auf dem sich die Österreicher mit der Ukraine bekannt machen können, muss nach der Meinung von Frau Sajenko über die Kultur, Traditionen und Kunst laufen.
Das heutige Wien ist Komfort, eine gute Infrastruktur, Wissen und große Möglichkeiten. Daneben ist es auch ein eigenartiges Babylon des 21. Jahrhunderts. Hier treffen sich zum Studium, zur Arbeit, zum Gedanken- und Ideenaustausch Ukrainer und Polen, Ungarn und Slowaken, Tschechen und Rumänen sowie Dutzende andere Nationen, deren Länder auch nicht in der Monarchie waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Wien eine depressive Stadt, die viel verlor und lange nicht zu sich kommen konnte. Eine gewisse Zeit mussten seine Einwohner von Hilfen des Roten Kreuzes leben. Aber Wien überwand all die Schwierigkeiten und wurde zur Stadt, in der das Leben am bequemsten ist, sowie zu einer Stadt, die das menschliche Kapital, zumindest das aus Mittel- und Osteuropa, an sich zieht.

Auf unsere Frage, warum Österreich an ukrainischen Projekten interessiert ist und sich daran beteiligen will, gibt Historiker Serhij Osatschuk folgende Antwort:

„Jeder Österreicher versteht, dass die Unterstützung der Demokratie, Bildung und Kultur in den Nachbarländern das in Europa unmöglich macht, was heute in Russland passiert."


Die Eisenbahn machte das 19. Jahrhundert zu einem besonderen Jahrhundert, sie verband und trennte zugleich Tausende und Millionen Menschen. Manche behaupten, dass der Holocaust ohne Eisenbahn nicht möglich gewesen wäre. Die anderen sagen wiederum, dass der wissenschaftliche und technische Fortschritt ohne Züge nicht vorstellbar gewesen wäre. Wie dem auch sei, unsere Welt hätte ohne Eisenbahnen ganz anders ausgesehen.
Fünf der sechs von uns besuchten Städte befinden sich auf den historischen Gebieten Galizien und Bukowina, die wie Brücken Ost und West verbinden. Das ist ein großes Feld von Möglichkeiten und Chancen. Ukrainische Historiker meinen, dass gerade galizische und bukowinische Städte imstande seien, die Ukraine nach Europa zu führen, und den Schlüssel zum Westen habe Lemberg in seiner Hand.

Wien, Krakau, Przemyśl, Lemberg, Iwano-Frankiwsk und Czernowitz sind wie Waggons eines Zuges, die anfangs zusammengekuppelt rollten, aber dann wurden die drei Letzteren abgekuppelt und blieben zurück. Aber trotzdem haben sie immer noch die Möglichkeit eine Art Lokomotive für die ganze Ukraine zu werden. Die Lokomotive „Europa".

2016-2017
Mariam Scheliya
Text, foto
Andriy Pryjmatschenko
Video
Wolodymyr Kamianets
Deutsche Übersetzung
Hildegard Kainzbauer and Andreas Wenninger
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DIESES PROJEKT DES KOOPERATIONSBÜROS LEMBERG WURDE GEFÖRDERT VON
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Tilda